Mit Behinderungen ist zu rechnen! - Protesttag 2015

Schon am Morgen ging es los. Der Behindertenbeirat hatte in diesem Jahr einen gemeinsamen Stand mit der MS-Gruppe Lüneburg-Harburg. Erfreulicherweise fanden viele örtliche PolitikerInnen den Weg an unseren Stand und informierten sich über die aktuellen Projekte. Insbesondere das Thema barrierefreie Kommunalwahlen 2016 zog viel Aufmerksamkeit auf sich. Mit ihren Unterschriften haben uns Viele bei dieser Petition bereits unterstützt. Am Nachmittag gab es dann eine Überraschung am Schrangenplatz: die Tanzpädagoginnen Nadine Troué und Mira Rommel hatten einen Tanz-Flashmob organisiert. Zu dem Song „Greased Lightning“ fingen etwa 50 Menschen mit und ohne Behinderung an zu tanzen und Arme und Hüften zu bewegen. Hier geht es zum Video und zur Berichterstattung der Landeszeitung über diesen Protesttag.

Außerdem war die Bürgergemeinschaft Bad Bevensen war zu Gast. Sie sind als erste Gruppe mit unserer Liste zum Check barrierefreier Lokalitäten losgezogen und haben Cafés und Geschäfte in Lüneburg unter die Lupe genommen und so Vielen deutlich gemacht, über welche Probleme behinderte Menschen im Alltag stolpern. Täglich stolpern viele RollstuhlfahrerInnen nicht nur über Geschäfte und öffentliche Einrichtungen, die nicht barrierefrei sind, sondern auch über Wohnungen, die nicht auf Rollstuhlfahrer ausgerichtet sind. In Lüneburg ist der Mangel an rollstuhlgerechten Wohnungen groß, was immer wieder ein Thema des Behindertenbeirats ist.

Beteiligte am Protesttag 2015

Logos der Beteiligten am Protesttag 2015

Aktionen der verschiedenen Organisationen

Die Loewe-Stiftung bot den Passanten die Möglichkeit, verschiedene Krankheitsbilder nachzufühlen. So wurden interessierten Personen die Themen Depressionen und Stimmen hören näher gebracht. Für die Passanten war ihr Erlebnis überraschend und teilweise auch schockierend. Alle waren sich dabei einig, die Krankheitsbilder nach diesem Erlebnis besser zu verstehen. Für die Loewe-Stiftung verlief der Protesttag trotz schlechtem Wetters positiv: „Wir werten den Tag als Erfolg, auch auf Bezug auf unsere Klienten, die sich gut einbrachten. Obwohl sie zu Anfang skeptisch waren und sich nicht "vorführen lassen" wollten, zeigten sie Interesse sowohl als Vertretung am Stand wie auch an den anderen Ständen.“

Das Autismus-Zentrum war mit einem Bollerwagen unterwegs und sorgte vor allem durch Gespräche mit Fachleuten für mehr Informationen über Autismus. Auch die Behindertenarbeit des Kirchenkreis Lüneburg hat viel getan, um die Passanten zu sensibilisieren: an einer Engstelle war ein Pavillon aufgestellt, durch den die Passanten durchgehen mussten. Alternativ mussten sie um den Stand herum gehen, wo es wiederum sehr eng war. Dadurch sollte auf die alltäglichen Probleme durch mangelnde Barrierefreiheit aufmerksam gemacht werden. Der Stand des Deutschen Salzmuseums wurde wie auch der Stand des Wichernhauses gut angenommen. Beide hatten aber besonders unter dem Regen zu leiden.

Das Thema Blindheit haben BNW und der Blindenverein aufgenommen. Das BNW bot mit einem Barrierequiz einen attraktiven Gesprächseinstieg. Viele Passanten nutzten diese Möglichkeit und nahmen auch ein Braillealphabet mit, um sich später erneut in Ruhe damit zu beschäftigen und die letzten Fragen in Braille zu beantworten. Der Blindenverein informierte über taktile Leitlinien und Hindernisse für Menschen mit Sehbehinderung. Zum Beispiel sind nur wenige Fußgängerampeln in Lüneburg mit einem akustischen Signal ausgestattet, der Weg über die Straße wird dadurch für Viele zu einer alltäglichen Barriere.

Im Landkreis Lüneburg wurden laut einer Befragung vom BNW "FAIR - Starke Kinder" im Schuljahr 2013/2014 28 % der SchülerInnen inklusiv beschult, im niedersächsischen Durchschnitt sind dies nur 14 %. Von diesem Ergebnis waren Viele überrascht. Die Schule am Knieberg war auch beteiligt an diesem Protesttag: sie boten Dosenwerfen an. Dabei waren die Dosen mit verschiedenen Barrieren beklebt, die abgeworfen werden sollten. Eine Aktion, die insbesondere beim jüngeren Publikum gut ankam. Auch drei Klassen des Instituts für Weiterbildung in der Kranken- und Altenpflege sorgte mit einer kreativen Aktion für aufsehen: mit Masken und Schildern machten sie mobil für das gleiche Recht auf Glück - denn "Glück zählt keine Chromosomen".

Unsere Abschlussveranstaltung

Zum Abschluss gab es eine Veranstaltung im Glockenhaus. Das kleine Konzert war sehr gut besucht. Der Auftritt des Kindergospelchores war beeindruckend und die Old School Rockers haben wie immer mit ihren Rocksongs ihre Fans begeistert.

Gegen 19 Uhr war der Aktionstag zu Ende. Für die Organisatoren ein langer, aber erfolgreicher Tag, an dem auf die täglichen Barrieren im Leben von Menschen mit Behinderung hingewiesen wurden. Es gab viele positive Reaktionen, wie zum Beispiel: „Wie barrierefreie Kommunalwahlen gibt es noch nicht?“, „Toll was sie hier auf die Beine gestellt haben!“. Aber, wie unsere Gesellschaft manchmal eben auch ist: „Sind denn hier nur Leute mit ner Klatsche unterwegs?“.

Symptomatisch und dem Motto entsprechend fand ein Rollstuhlfahrer gegen 19 Uhr dann kein Taxi für die Heimfahrt. Tja, mit Behinderungen ist zu rechnen….